Leben im historischen Raum – die Denkmalwerte des Wohngebiets um die Wilhelmstraße

Bei einer gut besuchten Bürgervesammlung am 15. Juni 2016 hat der Architekturhistoriker Dr. phil. Ulrich Hartung einen Bildervortrag mit dem Titel „Leben im historischen Raum – die Denkmalwerte des Wohngebiets um die Wilhelmstraße“ gehalten. Die interessanten Aussagen stoßen auf gute Resonanz bei den Bürgern, die ihrerseits Fragen stellten und mit Anregungen aus ihren Erfahrungen als Anwohner in der geschichtsträchtigen Umgebung die Veranstaltung bereichern konnten.

Der Redner, der ein guter Kenner der DDR-Arichtektur ist, sieht in der Wilhelmstraße (früher Otto-Grotewohl-Straße) und Umgebung ein Beispiel für ein gelungenes Baukonzept, dass mehrere wichtige Komponenten zusammenbringt. Die Zusammenfassung seiner Aussagen enthält folgende Kernaussagen.

Das Wohngebiet Wilhelmstraße und Umgebung ist gekennzeichnet durch eine repräsentative Architektur und repräsentativen Städtebau. Es umfasst überhöhte Wohngebäude von acht und sieben Geschossen in nachmoderner Entwurfshaltung. In der Bauweise erkennt man die Aufnahme der Prinzipien barocker Raumgliederung durch Fassadengestaltung.

Ferner besticht die Wohnanlage durch die Bildung geschlossener, ausgeformter Stadträume, Symmetrie als Ausdruck einer geschlossenen Gesellschaftsvorstellung, dabei Verwendung moderner Einzelformen (Breitfenster) in bewusstem Kontrast zu historischen Motiven (Erker, Giebelschilde).

Weitere Angaben und Einzelheiten zur Anlage:

Anwendung der Tafelbauweise Wohnungsbauserie (WBS) 70, Variante Berlin, mit den elf-oder achtgeschossigen Wohnhochhäusern (Wohnscheiben), stark abgewandelt und speziell für den Standort gestalterisch qualifiziert.

Städtebau- und Hochbauentwurf: Helmut Stingl (Entwurfsleiter) und Dietrich Kabisch mit Ing. Jürgen Pischke und Ing. Herbert Woyna u. a. Mitarbeitern (s. Lit.)

Hochbauprojekte: Wolfgang Ortmann, Arno Weber, Otto Altmann und Mitarbeiter vom Wohnungsbaukombinat „Fritz Heckert“ Berlin, Kombinatsbetrieb Projektierung

Planung ab ca. 1985, Projektierung ab 1986, Ausführungsprojekte 1987/88,  Montagebeginn 1. Juni 1988. Bis 1990 weitergebaut und nördlicher Teil fertiggestellt; südlicher Teil im Rohbau begonnen (Eckbau an der Leipziger Straße), dieser 1990 gestoppt, später, 1991 oder 1992, abgerissen

Besonderheiten:

1. Projektierung der Wohnbauten mit speziellen Fassadenfertigteilen und Raumlösungen (Maisonette-Wohnungen) auf Computer gestützt (computer aided design CAD) als eines der ersten Bauvorhaben in der DDR.

2. Aufnahme und Weiterentwicklung barocker Raumformen und Blickbeziehungen (Geplante Achse zw. „Kolonnade“ und dem ehemaligen Preußischen Herrenhaus (eventuell bedeutsam als Ort der KPD-Gründung)

3. Besonders aufwändige und durchdachte Gestaltung von historisierenden Fassadenmotiven in Materialtönen (Splitt bzw. Kies, warmgrau und rot (Löbejüner Porphyr), dabei maximale Variation des Einsatzes und der farbigen Abwandlung zur Erzielung „individueller“ Gebäudeansichten, bei klarer Einheit des räumlichen Ensembles.

Literatur zum Thema:

Dietrich Kabisch, Jürgen Pischke, Herbert Woyna: Projektierung mit CAD für das Wohngebiet Otto-Grotewohl- Straße; in: Architektur der DDR, 37. Jg., 1988, H. 4, S. 9-13 / Werner Rietdorf: Stadterneuerung. Innerstädtisches Bauen als Einheit von Erhaltung und Umgestaltung, mit 168 Zeichnungen und 343 Fotos, Berlin 1989, S. 70-72 / Maria Berning, Michael Braum, Engelbert Lütke Daldrup, Klaus-Dieter Schulz: Berliner Wohnquartiere. Ein Führer durch 60 Siedlungen in Ost und West, Berlin 1994 (2. überarb. u. erw. Neuausg.), S. 336-341

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Noch ein Wort: wir die Bürger in der Wilhelmstraße und Umgebung wollen uns für die Hilfe bei der Durchführung der Bürgerversammlung bei den Jugendlichen vom Jugendclub Ikarus sehr herzlich bedanken. In nur wenigen Minuten haben die Jugendlichen die Stühle für die Veranstaltung bereitgestellt. Es war eine sehr schöne Geste den älteren Bürgern gegenüber. Das wissen wir sehr zu schätzen!

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